Der Weg zur Hölle

Kapitel 17 – Schuld

SCHULD: Unter S. in moralischer Bedeutung versteht man die Urheberschaft des sittlich Bösen, das aus der Nichtachtung oder der bewußten Leugnung des Sittengesetzes entspringt. Zur S. wie zu dem ihr entgegengesetzten Verhalten gehört daher die Freiheit der Handlung. Die Größe der S. bemißt sich nach dem Grade der angewandten Willensenergie, die auf Grund der Beschaffenheit, Zahl und Stärke der entgegenwirkenden Motive beurteilt wird.

Brockhaus‘ Konversationslexikon, 14. Auflage, Leipzig, 1898

»Warum hast du mich mit hergenommen?«, fragte Kojun.

»Ich dachte, du wolltest mal wieder dabei sein, wenn ein Täter geschnappt wird«, antwortete Reemund.

»Und was soll ich machen, wenn er weglaufen will? Ihn über den Haufen fahren?«

Reemund saß auf einer Parkbank. Es war die überlange Bank, auf der die ganze Geschichte für mich begonnen hatte und ziemlich genau ein Tag nach den Ereignissen in Koss‘ Waldhäuschen. Kojun stand mit seinem Rollstuhl daneben und Eduard Koss und ich schwebten kaum einen Meter entfernt von den beiden in der Luft. Die Nacht drohte, kalt zu werden.

»Ich glaube, er wird nicht weglaufen«, sagte Reemund.

Der Polizeipräsident schnaubte verächtlich.

»Also komm! Du musst zugeben, dass meine Prognosen sich oft als wahr herausstellen.«

»Das ist der einzige Grund, warum du nicht schon längst in die Asservatenkammer versetzt worden bist. Im Übrigen scheinst du in letzter Zeit etwas unkonzentriert zu sein. Ich habe gehört, du hast die kleine Koss für die Mörderin ihres Vaters gehalten?«

»Wedelbeck hat mir das schon zur Genüge vorgeworfen.«

»Guter Mann.«

»Lass ihn das bloß nicht hören. Er ist eitler, als er denkt.«

»Da ist er nicht allein. Habt Ihr genug gegen Simmons in der Hand?«

»Ja. Wir haben eine Glock G37 bei ihm gefunden. Offenbar hatte er vor, die kleine Koss zu erschießen, weil sie das umfangreiche Drogenlager im Schuppen entdeckt hatte. Sie hat uns erzählt, dass sie Simmons aus dem Auto hat steigen sehen mit der Waffe, und da hat sie sich eine der Motorsägen gegriffen, die auch im Schuppen deponiert waren. Was ihn dann dazu bewogen hat, sich ebenfalls eine Säge zu nehmen, anstatt zu schießen, wissen wir nicht. Wahrscheinlich irgend eine perverse Form von Sportsgeist. Oder er hatte mitbekommen, dass der erste Täter seine Opfer nicht vorher erschossen hat. Auf alle Fälle ist die Pistole genau die, mit der er Medchenwunder getötet hat, bevor er …« Er machte eine Halsabschneidegeste. »Und das Geständnis haben wir wirklich alle gehört. Da gibt’s noch mehr, jetzt, wo wir wissen, wo wir zu suchen haben.«

»Das freut mich. Aber es beantwortet meine Frage nicht: Was machen wir hier?«

»Den Mörder von Koss und Meyer verhaften.«

»Hier?«

»Ja, ich gehe davon aus, dass er hierher kommen wird.«

»Und was machen wir bis dahin?«

»Warten.«

Sie warteten.

»Sag mal«, fragte Kojun nach einigen Minuten. »Hast du nachgesehen, wie es Belinda geht?«

Reemund zog sich seine Jacke fester um den Körper. »Ich will darüber nicht sprechen.«

»Doch willst du.«

»Geh mir nicht auf den Sack!«

Sie schwiegen wieder.

Irgendwann fing der Kommissar doch an, zu reden. »Ich war vorhin da und hab mit Mechthild gesprochen. Ob es nicht möglich ist, dass wir eine neue Regelung finden. Vielleicht, dass Belinda regelmäßig zu mir kommen kann.«

Kojun nickte beifällig. »Gut für dich.«

»Von wegen! Ich habs vermasselt. Wir haben uns gestritten. Mechthild hat mir all die alten Sachen wieder aufgezählt, wer ich bin und wie dumm ich bin, und wie verantwortungslos.«

»Womit sie recht hat.«

»Und dann hat sie gemeint, dass ich keinen Deut besser geworden sei. Und was ich mir einbilde. Man hätte es ja wieder gesehen: Kaum ist Belinda bei mir, wird sie zusammengeschlagen und kriegt den Schock ihres Lebens.«

»Und was hast du geantwortet?«

»Ich hab sie gefragt, warum sie das Mädchen überhaupt erst bei mir abgeladen hat, wenn sie mich für so unfähig hält. Ich hab schließlich nicht darum gebeten, das Kind bei mir zu haben. Sie hätte ja auch einen Babysitter engagieren können.«

Reemund schwieg für einen Moment. »Und wir haben bei all dem nicht gemerkt, dass Belinda schon von der Schule nach Hause gekommen war und uns belauscht hat.«

Kojun stöhnte laut auf. »Du bist so ein dämlicher Idiot!«

»Den Titel werde ich wohl nicht mehr los.«

»Ich schwör dir bei meinen Gummireifen: Wenn du das morgen nicht sofort in Ordnung bringst, mach ich dir Ärger, wie du noch keinen erlebt hast! Nimm dir frei. Miet einen Zeppelin und streu den ganzen Tag lang Rosenblüten über Deiner Tochter aus. Rutsch auf Knien, leck die Straße ab, auf der sie langgeht, aber bring das wieder in Ordnung, oder du bist die längste Zeit mein Freund gewesen!«

Reemund lachte. »Ich mag dich auch.«

»Ich find dich zum Kotzen«, knurrte Kojun.

Der Kommissar lachte noch lauter. Er brauchte ein paar Minuten, bis er sich wieder beruhigt hatte.

»Ach komm schon. Glaubst du wirklich, ich bin so dämlich, dass ich extra auf Knien zum Monster von Wedding krieche, um mehr Zeit mit meiner Tochter zu erbetteln und dann sage ich, ich will sie gar nicht haben? Du müsstest mich besser kennen.«

Kojun sah seinen Freund entgeistert an.

»Ich hab dich verarscht! Das heißt, wir haben wirklich gestritten, Mechthild und ich, aber am Ende haben wir uns geeinigt. Erstmal jedes zweite Wochenende, dann sehen wir weiter. Und ich verspreche dir, ich werde zahm sein wie ein Lamm.«

»Idiot.«

»Klar. Sicher. Wenn wir hier fertig sind, rollen wir dich zu mir, trinken Deinen Schnaps aus und gucken Titanic. Wie wärs?«

»Reemund, du bist der geschmackloseste Mensch, den ich kenne.«

»Sag mir was, das ich noch nicht weiß.«

»Casablanca.«

»Schnösel.«

Plötzlich stand Rudolph Wassermann vor den beiden und wie immer, in mir drin. »Herr Kommissar, was für eine Freude. Und wer ist Ihr Bekannter?«

»Guten Abend«, sagte Reemund. »Das ist der Polizeipräsident von Berlin, Hartmut Kojun.«

»Hoher Besuch. Es ist mir eine Ehre.« Wassermann reichte dem Mann im Rollstuhl die Hand.

»Und was verschlägt Sie beide an mein Bett?«

Reemund seufzte und holte ein paar Handschellen heraus. »Wir müssen Sie mitnehmen, Wassermann.«

Der Hüne wankte leicht, fing sich jedoch sofort wieder und setzte sich neben den Kommissar, ruhig und, es gibt kein besseres Wort dafür, schicksalsergeben. Er atmete tief ein, doch mehr als ein leises
»Danke« kam ihm nicht über die Lippen.

Reemund schien zu verstehen. Er nickte.

»Seit wann wissen Sie es?«

»Ich hatte gestern Abend eine Unterhaltung mit Evelyn Koss, der Halbschwester Ihrer leiblichen Tochter Anna.«

Wassermann schloss die Augen.

»Sehen Sie, es hätte natürlich sein können, dass jemand anderes Eduard Koss so sehr hasste, um ihn auf so makabre Weise umzubringen. Aber die Art, wie Ihre Tochter zu Tode gekommen ist, hat mich stutzig gemacht. Also hab ich Evelyn gefragt, ob sie von jemandem wisse, einem Mann im Leben ihrer Halbschwester vielleicht. Sie wusste nicht viel. Nur dass Annas leiblicher Vater Wissenschaftler war. Der Rest war mit einem einfachen Gang zum Standesamt erledigt.«

»Ich habe Eduard Koss gehasst!«

»Das ist offensichtlich. Aber warum? Machen Sie ihn für Annas Tod verantwortlich?«
»Natürlich ist er dafür verantwortlich! Er war ein Schwein.«

»Seine leibliche Tochter denkt anders darüber. Für sie war er fast ein Heiliger.«

»Ich habe meine Frau und meine Tochter verlassen, als Anna noch ganz klein war. Ich hatte große Ideen, und eine Familie hätte mich da nur gestört. Jedenfalls habe ich das geglaubt. Aber mit den Jahren merkte ich, dass mir etwas verloren gegangen war, was ich dringend gebraucht hätte. Vielleicht nicht meine Frau, aber mein Kind. Ich habe mich nicht zurück getraut. Verstehen Sie?«

»Besser, als mir lieb ist.«

Wassermann sah den Kommissar an, dann nickte er. »Ich habe sie aus der Ferne beobachtet. Mit ihrem neuen Vater. Ich habe halbe Nächte vor dem Haus verbracht, nur damit ich sie morgens zur Schule begleiten konnte. Immer weit genug hinter ihr, um unsichtbar zu bleiben. Ich habe immer gedacht, wenn ich merke, dass sie ein Problem hat, dann kann ich ja vielleicht helfen.« Er lachte. »Können Sie sich das vorstellen? Ein erwachsener Mann, ein Professor sogar, schleicht jeden Morgen seiner Tochter hinterher und findet nicht den Mut, sie anzusprechen?«

Er schwieg eine Weile und weder Kojun noch Reemund wagten, die Stille zu zerstören.

»Ich hätte es sehen müssen«, fuhr Wassermann irgendwann fort. »Aber ich habs nicht gesehen! Natürlich war sie traurig nach dem Tod ihrer Mutter. Ich habe mir eingeredet, das sei normal; da käme sie schon drüber hinweg. Und auf einmal war es zu spät. Sie ist in die Schweiz gegangen, und plötzlich bringt sie sich um. Ich hab’s nicht vorausgesehen. Im Gegenteil. Ich habe dem Koss sogar vertraut. Der war doch Psychologe. Aber so sind sie doch alle. Nach außen hin wollen sie helfen und reden klug daher, aber ihre eigene Familie misshandeln sie. Wir sind alle wie Rousseau.«

»Was meinen Sie denn, hat Koss Ihrer Tochter angetan?«

»Ich weiß es nicht. Aber da muss doch was gewesen sein! Es muss einfach! Da muss was gewesen sein!«

»Sie haben also keine konkreten Anhaltspunkte?«

Wassermann schüttelte den Kopf. »Trotzdem!«

»Woher kannten Sie das Haus?«

Der Hüne schnaubte. »Nach Annas Tod habe ich nur ein Jahr gebraucht, um auf der Straße zu landen. Ich hab Ihnen doch erzählt, dass man uns gern raus in die Wälder schafft, damit wir das Stadtbild nicht verschandeln. Und ich lande eines Tages ausgerechnet in der Nähe von diesem Haus! Ich wollte vernünftig sein. Ich wollte Koss einfach nicht wieder begegnen. Und dann passiert mir sowas!«

»Was genau ist Ihnen passiert?«

»Die Polizei schafft mich mit zwanzig anderen raus in den Wald. Ich irre herum. Dann sehe ich ein Haus. Ich will dahin, weil mir kalt ist. Und da sehe ich jemanden heraus kommen. Er ist es! Also gehe ich nicht hin. Ich lege mich auf die Lauer. Ich sehe, wie er da Drogen versteckt. Einen ganzen Schuppen voll mit ganz verschiedenem Zeug. Das war im Frühling. Und wie er mit seinen blöden Motorsägen rumfuchtelt. Und im Winter hab ich da gewohnt. Hat keiner mitgekriegt. Und wissen Sie, was ich bemerkt hab?«

Reemund verneinte. »Annas Sachen! Einfach wahllos in eine Kiste gestopft! Sie stand ganz hinten. Hinter seinen beschissenen Kettensägen. Ganz verdreckt und vergessen! In dem Moment habe ich beschlossen, ihn umzubringen.«

»Wie sind Sie auf Meyer gekommen?«

»Das Schwein. Der Kerl war doch immer bei uns. Und dann prahlte er rum, wie gut er seine Frau und seine Tochter im Griff hat und dass er sie schlägt, wann immer er Lust dazu hat. Er hat es verdient. Und als ich dann auch noch hörte, dass Koss eine seiner widerlichen Sendungen ausgerechnet über ihn und seine Familie machen würde … Das passte doch alles zusammen, oder etwa nicht?«

Reemund sah den anderen lange an, bevor er etwas sagte. »Sie haben mir nicht aus Versehen geholfen, den Fall zu lösen«, sagte er. »Sie hatten Angst, dass ich recht haben könnte mit meiner Theorie vom frischgebackenen Serienmörder, der nicht mehr aufhören kann?«

Wassermann presste die Lippen aufeinander und nickte.

»Und als wir Meyer nicht verhaftet haben …?«

»Da hab ich mich selbst um ihn gekümmert.«

»Wie genau haben Sie Koss umgebracht?«

Wassermann zuckte mit den Schultern. »Ich habe gewartet, bis Koss nachdem die Sendung mit dem Meyer gelaufen war, mal wieder draußen im Waldhaus geschlafen hat. Jeden Tag war ich da. Ich hatte solchen Hunger, aber das war egal. Und dann kam er. Dann habe ich aus seinem Schuppen ein bisschen von dem Zeug geholt. Der hatte ja alles da. Auch Schlaftabletten und Betäubungsmittel und sogar Spritzen. Ich hab ihm im Schlaf einen Cocktail verpasst, aus allem, was man flüssig machen konnte. Aber als er dann vor mir lag, da hat’s mir nicht gereicht. Ich habe ihn rausgeschleppt, auf den großen Block gelegt, wo er immer das Brennholz zerkleinert hat. Und dann habe ich eine Säge geholt, und ihm den Kopf abgesägt. Es war widerwärtig. Aber ich fand’s passend.«

Wassermanns Katze streckte ihren Kopf aus seiner Manteltasche und miaute kläglich. Er streichelte sie sanft unterm Kinn. Das Tier schloss die Augen und schnurrte. »Was wird aus ihr?«, fragte er.

Reemund beugte sich zu Kojun hinüber.

»Wie wärs?«, fragte er. »Behinderte und Haustiere. Das macht sich immernoch gut in der Presse.«

»Ich hab Katzenhaarallergie«, knurrte Kojun.

Wassermann wandte sich ebenfalls zu dem Mann im Rollstuhl um. »Sind doch kaum noch Haare dran.«

»Eben«, sagte Reemund. »Aber im Moment behalten Sie sie erstmal. Dann sehen wir weiter.«

»Müssen Sie mir Handschellen ummachen?«

»Ich denke, das geht auch so.«

Er pfiff, und aus den umliegenden Sträuchern erhob sich eine ganze Reihe durchgefrorener Uniformierter, die aussahen wie eine Schar zum Leben erweckter Toter.

*

Koss starrte bewegungslos den Polizisten hinterher, die sich langsam entfernten. Während sie verschwanden, hörte man Wassermann leise vor sich hinreden.

»Da muss doch was gewesen sein! Ich bin ganz sicher! Irgendetwas hat er gemacht!«

Ich tippte Koss auf die Schulter, und als wäre das ein Anschaltknopf gewesen, ruckte er herum und sagte: »Ich will zu meiner Tochter.«

»Das lassen Sie bitte bleiben. Sie dürften doch mittlerweile begriffen haben, dass es nichts gibt, was Sie für sie tun können. Für Ihre Tochter nicht und für sich selbst schon gar nicht. Jedenfalls nicht so.«

»Ich bin ihr Vater, verdammt nochmal!«

Ich packte ihn bei den Schultern. »Sie sind jetzt niemandes Vater mehr! Sie sind nur noch ein Toter, der sich daran gewöhnen muss. Genauso wie Milliarden Menschen vor und nach Ihnen. Ihre Tochter wird irgendwann sterben, genau wie Sie, und dann wird sie wahrscheinlich nichts mehr von Ihnen wissen.«

Ich überlegte, ob ich ihm von der Begegnung mit seiner Stieftochter erzählen sollte, aber ich ließ es bleiben.

»Sie haben jetzt immerhin eine Ahnung davon, wer Sie gewesen sind. Mehr nicht. Das muss reichen. Schließlich ist das schon mehr, als fast jeder andere Geist vor Ihnen hatte.«

»Und was habe ich davon?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Vielleicht nichts. Vielleicht alles. Vielleicht hilft es Ihnen dabei sich vorzustellen, was Sie noch werden könnten. Und das wäre dann schon wieder etwas, das Sie anderen Geistern voraus hätten.«

Er lächelte freudlos. »Vor allem Ihnen?«

Ich ließ ihn los. »Ihre Überlegenheit geht mir auf die Nerven, Koss. Wir verabschieden uns jetzt und hier. Mehr hab ich Ihnen nicht zu geben. Machen Sie, was Sie wollen. Ich hab Ihnen eine kleine Last weggenommen, und Ihnen womöglich eine andere aufgebürdet. Vielleicht bringt es was, vielleicht nicht. Vielleicht erspart es Ihnen auch nur die Qual, sich einen neuen Namen ausdenken zu müssen. Wir werden sehen. Aber wenn ich Ihnen noch einen letzten Rat geben darf: Besuchen Sie Venedig! Es ist fast schon Gesetz unter Geistern, einmal nach Venedig zu reisen. Sterben und Venedig sehen heißt es bei uns.«

Damit ließ ich ihn stehen und flog davon. Ich habe Eduard Koss nicht wieder gesehen.

*

Einige Tage später streiften Arnulf Kesselbachers toter Hund und ich durch den Park. Medchenwunder war inzwischen aufgewacht, hatte aber darauf verzichtet, sich von seinem früheren Leben erzählen zu lassen. Auch eine Möglichkeit. Sollte er es sich je anders überlegen: Ich bin da. Ich bin immer da.

Es hatte angefangen zu schneien, zum ersten Mal in diesem Herbst.

Schnee kann ich nicht leiden. Er ist wie Regen, der versucht, schön zu tun. Aber heute war es mir egal. Ich ließ die großen Flocken, die auf die Erde fielen und sofort schmolzen, einfach durch mich hindurch fallen. Ich streckte sogar die Arme aus, während ich langsam durch den Park schwebte, der schwanzwedelnde Hund einen guten Meter hinter mir.

Plötzlich hörte ich eine Stimme, die mir bekannt vorkam.

»Urglh!«

Ich sah herab und lächelte. Am Boden saß, in sich zusammen gekauert, Hans-Jochen Meyer, mein Wandertoter. Er war also nicht sehr weit gekommen. Er zitterte und starrte mich an.

»Da bist du also«, sagte ich.

Ich wollte gerade zu ihm hinschweben, als ein schwer besoffener, stinkender Mann heran geschwankt kam und sich mitten in mich hinein stellte.

Mein Ex-Therapeut hat mal die Behauptung aufgestellt, dass es einen Zusammenhang gebe zwischen dem Charakter eines Lebenden und der Häufigkeit, mit der es ihm nach seinem Tod passiert, dass Menschen sich in ihn hinein stellen. Er meinte, nur Leute, die es immer zugelassen hätten, dass man auf ihnen herumtrampelt, seien anfällig für dieses Phänomen. An dem Tag habe ich ihm gesagt, dass nichts von dem, was er mir erzählt hat, jemals hilfreich gewesen sei. Er hat nur mit den Schultern gezuckt und
gefragt, was ich denn auch von einem toten Reaktortechniker aus der Ukraine erwarte. In dem Moment beschloss ich, ihn in Zukunft nicht mehr aufzusuchen, und ich glaube, er war mir sogar dankbar dafür.

Der Geruch des Säufers war widerlich, aber ich trat nicht zur Seite. Er sah nach oben, und die Schneeflocken rieselten ihm ins Gesicht.

»Mach weiß«, brüllte er Himmel und Herrgott an. »Mach weiß! Mach hübsch hier!«

Vielleicht bin ich jemand, auf dem zu seinen Lebzeiten immer herumgetrampelt worden ist. Und vielleicht sorgte das, was ich jetzt tat nur dafür, dass es noch mehr Geister wie meinen Ex-Therapeuten geben würde: boshaft und verbittert. Aber das war mir egal. Ich war ein Toter mit einer Aufgabe! Wie viele Geister können das wirklich von sich sagen?

Ich schaute an mir herunter auf den stinkenden, abgerissenen und kaputten Penner in mir. Dann sah ich Meyer an, der genauso wenig ein intakter Mensch gewesen war. Nur dass es jetzt keine Rolle mehr spielte.

»Sehe ich gut aus?«, fragte ich.

»Urglh!«

Durchaus eine passende Antwort.

»Du kommst jetzt in den Keller. Und wenn du aufwachst, habe ich dir einiges zu erzählen.«

Ich packte ihn und erhob mich weit in die Luft. Er starrte mich an, als würde er ein Gespenst sehen. Ich lächelte zurück.

»Besser wird’s nicht«, sagte ich, pfiff den Hund heran und begann, Meyer in Richtung Marzahn zu schieben.

»Besser wird es einfach nicht.«